Anlage

Traumwerk in Anger: die Modelleisenbahn

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Das Traumwerk in Anger ist beeindruckend professionell. Ich meine das als höchstes Lob, und gar nicht vergiftet, wie es auch gemeint sein könnte. Diese Professionalität aber wird manche eher spontan oder kreativ veranlagten Menschen sicher von einem Besuch abhalten. Charmant und altmodisch ist es nicht, sondern ein kühl glitzerndes Juwel im Alpenvorland. Ein Juwel, das weiß, dass es eines ist. Die Gartenfront:

Durch den Garten des Traumwerks fährt einmal pro Stunde auch eine Elektro-Gartenbahn.
An Feiertagen im Sommer auch ein Echtdampfzug.

Es ist effizient, durchdesignt und das genaue Gegenteil dessen, was ich von einem Hobby-Projekt in der oberbayerischen Provinz erwarten würde. „Hobby“ meint: Ein reicher Mann hat seinem Hobby auch für die Zukunft ein gebautes Zuhause gegeben. Über diesen Gründer, Hans-Peter Porsche, später mehr. Ich werde auch versuchen, die Professionalität an ein paar Beispielen zu belegen, sonst ist das nur eine leere Behauptung.

Ein Highlight ist das von mehr als 20 Projektoren gezauberte Nacht-Schauspiel. Ich habe gezählt, hier ist das Beweisbild:

Lichtstimmung Party im Traumwerk in Anger

Denn: Alle 17 Minuten verändert sich die Lichtstimmung ganz erheblich im Schauraum mit der großen Modelleisenbahn. Dann wird es Nacht. Und zwar nicht einfach so mit Lichtdimmen und LEDs oder Leuchtstoffröhren, die die Farben verändern, so wie das im Miniatur Wunderland ist und in all den Hobbyräumen, die ich bisher gesehen habe. Nein, irgendwann in der Nachtanimation…

  • geht der Mond auf, definitiv in Übergröße, also noch größer als ein Blutmond, wenn auch nicht ganz so rot
  • beginnt eine Lasershow, wie wir sie aus der Jahrtausendwende aus den großen Kinos kennen, die Linien und Muster auf die Berglandschaft zaubert
  • beginnt treibende Tanzmusik durch den Raum zu klingen – was den Echtheitseindruck völlig sprengt und doch das Erleben in eine neue Dimension katapultiert.

Also ich war begeistert. Zugegeben: Nach ein paar Malen wird es dann vielleicht ein wenig viel. Modelleisenbahn-Puristen wird das Spektakel wohl eher verschrecken. Für die Lasershow gibt es schließlich keine Referenz, nicht einmal in Epoche VI. Mehr als Alpenglühen und Wetterleuchten können die Berge nicht. Sorry, ist so. (Ja, und Lawinen leider auch.)

Die Musik gibt es auch bei Spotify:

Skilandschaft Arlberg

Besonders gut gefallen haben mir die Kabinenbahnen im Skigebiet Arlberg, auch wenn bei einer zum Besuchstermin das Seil gefehlt hat. Wie auf vielen Anlagen in der Bergregion ist die Kabinenbahn eines der anfälligsten Teile auf der Anlage. Die Kabinen am Seil wackeln sehr und sie leiden natürlich auch unter Staub am meisten. Außerdem sind eine Menge Skifahrerinnen auf der Piste unterwegs. Unterwegs zum Apres-Ski im Ort? Auf alle Fälle kann man fast mit Skiern zum Zug kommen.

Abendstimmung: Mond über Arlberg (Eigenes Foto)

Porsche-Werk im Traumwerk in Anger

Alt und neu stehen beim Porsche-Werk nebeneinander: Wie es sich für einen erweiterten Bestandteil der Porsche-Welt gehört, gibt es auf der Anlage auch noch ein Porsche-Werk. Nein, sogar zwei: ein altes Porsche-Werk mit Blaumännern, und ein neues Porsche-Werk mit Robotern. Die beiden befinden sich im gleichen Gebäude, auch die Dachaufbauten sind epochengerecht ausgeführt:

Noch ein paar Belege für die Professionalität:

  • Jeder Bereich im Traumwerk hat sein eigenes, individuell gestaltetes Piktogramm. Sogar der Kletterturm am Spielplatz und die Garderobe.
  • Das Restaurant serviert zügig Klassiker aus der gutbürgerlichen Küche und Kinder-Klassiker. Aber wer will, kann hier auch Gourmet-Abendessen buchen an einigen Terminen im Jahr.
  • Der Museumsshop verkauft keinen Tand, sondern sorgfältig ausgewählte Produkte mit VW- und Porsche-Bezug – oder allgemeinem Modellbezug. Besonders gut gefallen mir die Blechspielzeuge, die es im normalen Handel kaum noch zu kaufen gibt. Auch eine Hans-Peter-Porsche-Kollektion mit seinen Lieblingsstücken wurde dazu aufgelegt.

Fazit Traumwerk in Anger

Wer mit den Kindern in Salzburg oder in der Nähe etwas Neues als Attraktion sucht, muss ins Traumwerk nach Anger. Auch der Eintrittspreis von derzeit 14 Euro für Erwachsene ist gerechtfertigt. Aber Achtung: Man kommt eigentlich nur mit dem Auto dahin; auch wenn an Werktagen ein Bus fährt. Und die winzig kleine Ausfahrt an der A8 ist im vollen Tourismus-Verkehr leicht zu übersehen. Ich weiß, wovon ich rede, mir ist das passiert. Gut, dass ein paar Kilometer weiter eine richtige Ausfahrt kommt (die letzte vor der Grenze zu Österreich).

Kern des Traumwerks ist aber nicht die Modelleisenbahn-Anlage, die für mich im Vordergrund dieses Berichts steht, sondern die Sammlung alten Spielzeugs. In den Vitrinen und Schaukästen, die man als erstes sieht, wird Spielzeug aus den letzten 150 Jahren gezeigt. So sind auch ganz viele Kinder-Spielzeuge von Märklin zu sehen, die ganz andere Spurweiten haben, als wir sie heute kennen vom Göppinger Familienunternehmen.

Diese Spielzeuge von anno dazumal bekommen Raum, um auch beim Papa für glänzende Augen zu sorgen. Die Kinder können derweil an der mitten in der Ausstellung gelegenen Kinderspielecke mit der Brio-Bahn und einem Aufzug für Filzbälle spielen. Gerade der ist ein echter Magnet. Da passiert was, und schallgedämmt ist die umbaute Ecke auch. Da haben sich die Planer des Traumwerks wirklich Gedanken darüber gemacht, wie man den Familienausflug verbessern kann. Endlich etwas zum Anfassen!

Traumwerk in Anger: ein Denkmal für den Stifter

Mit dem Traumwerk in Anger hat Hans-Peter Porsche sich ein Denkmal gesetzt. Das ist klar. In mehreren Interviews hat er dies bereits erzählt, das ist nicht neu.

Zu Beginn habe ich noch alles selbst gesucht, in Anzeigen, auf Spielzeugmärkten oder Auktionen. Irgendwann hatte ich dann 450 Umzugskartons voll mit Spielzeug im Keller und auf dem Dachboden stehen. Ich hatte einfach keinen Platz mehr. Daraus entstand dann die Idee zum „Traumwerk“. Inzwischen kümmert sich allerdings ein Kurator um die Sammlung. Er sucht auf der ganzen Welt auf Auktionen und in Sammlungen nach neuen Spielzeug-Schätzen.

Spiegel-Interview mit Hans-Peter Porsche

Professionell eben, und so organisiert, dass es den fast Achtzigjährigen überleben wird. Den kann man übrigens auch im Modell sehen. Am Ufer des Wörthersees steht er. Wie ein Feldherr in der Landschaft, auf der Terrasse einer See-Villa.

Der alte Mann und das Kärntner "Meer": Herr über das Traumwerk in Anger
Der alte Mann und das Kärntner „Meer“: Herr über das Traumwerk in Anger

Die Berge sind nicht weit weg, und Salzburg auch nicht, wo er sieben Jahre lang Geschäftsführender Gesellschafter der Porsche Design Produkte-Vertriebsgesellschaft war. Ich kenne Porsche Design noch von wunderschönen Armbanduhren und Telefonen (Festnetz!), die ich mir nie leisten konnte.

Wer ist Hans-Peter Porsche? Er ist einer der Erben der Porsche-Familie. Er war Produktionsleiter, ist natürlich gelernter Ingenieur, in der Familie verpflichtend. Er selbst wäre lieber Schreiner geworden.

Von 1985 bis 2003 steht keine offizielle Funktion im Unternehmen Porsche in seiner Vita, die Porsche, die Firma, selbst herausgegeben hat. Aber er war natürlich Teil der Inhaberfamilie. Wenn mir etwas von den verworrenen VW-Porsche-Übernahmekämpfen in Erinnerung geblieben ist, dann das, welche Rolle die Familien im Hintergrund spielen (die ganze Chronologie hier: https://www.mz-web.de/nachrichten/chronologie-der-uebernahmekampf-porsche-volkswagen-und-seine-folgen-6914672); und ja, das wäre doch Stoff für eine eigene, deutsche Serie – teuer ausgestattet und mit vielen Erklärpieces. Think „The Big Short“ auf Deutsch. Ui, das würde ich wirklich gern sehen.

Deswegen hat Hans-Peter Porsche, dessen Namens-Initialen sogar im offiziellen Logo des Traumwerks verewigt worden sind, sich diesen Betonbau in Form einer Acht (von oben betrachtet) gegönnt. Kosten zum Bau habe ich keine gefunden, auch nicht in dem kleinen Bildband, den es im Shop zu erstehen gibt – und der seinen natürlichen Platz in meiner Bibliothek neben dem entsprechenden Werk vom Miniatur Wunderland gefunden hat.

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